Ich reise seit vielen Jahren als digitale Nomadin um die Welt. Und nein, das ist nicht immer nur Sommer, Sonne, Insta-Heiterkeit und Laptop am Pool. Im Gegenteil: Das digitale Nomadentum kann ganz schön anstrengend sein und einsam machen.
Stell dir mal vor: Du reist ständig von A nach B nach C. Gleichzeitig versuchst du, deinen Job zu wuppen und ein einigermaßen vernünftiges Leben zu führen. Sport machen, Social Life, you name it. Ich kenne viele digitale Nomad*innen, die erfolgreich an diesem Vorhaben gescheitert sind und den gehypten Lebensstil nach kurzer Zeit wieder an den Nagel gehängt haben.
Und ganz ehrlich? Auch ich hatte eine Phase, in der ich einfach nur erschöpft war und nicht mehr konnte. Nichts war beständig. Kein beständiger Wohnort, kein beständiges Sozialleben, kein beständiger Alltag, keine beständigen Routinen. Das ging auf Dauer einfach nicht gut.
Dann habe ich plötzlich (und ich weiß nicht einmal mehr, wie) von Colivings erfahren. Orten, an denen sich digitale Nomaden für längere Zeit niederlassen. Ein bisschen wie ein Hostel mit Coworking Space, nur dass alle ihr eigenes Zimmer haben.
Das ist mittlerweile rund zwei Jahre her. Seitdem war ich in sechs verschiedenen Colivings: in Spanien, Thailand, Kolumbien (hier gleich in zwei verschiedenen), in Mexiko und in der Schweiz. Und was soll ich sagen? Sie sind für mich der absolute Game Changer.
Ich friste mein Dasein nicht alleine in einem Airbnb, mit Mühe neue Freunde im unbekannten Ausland zu finden (wohlgemerkt: die mit mir befreundet sein wollen, obwohl ich bald wieder auf Nimmerwiedersehen verschwinde). Stattdessen lebe ich in einem großen Haus, gemeinsam mit Gleichgesinnten aus aller Welt.
Und es sind nicht einfach nur irgendwelche Menschen, die da um mich herum leben. Es sind oft ziemlich inspirierende und spannende Menschen, die einzigartige Geschichten zu erzählen haben. Es sind Menschen, die ihr normales Leben gegen ein Abenteuer auf der ganzen Welt eingetauscht haben. Die verrückte Dinge erlebt haben, ordentlich was auf die Beine gestellt haben. Ob sie nun seit über 10 Jahren um die Welt reisen oder ein erfolgreiches Unternehmen aus der Ferne gegründet haben. Meine Coliver sind für mich eine absolute Quelle der Inspiration.
In einem Coliving zu leben ist ein bisschen wie in einer riesigen WG zu leben – nur mit etwas mehr Komfort. In der Regel gibt es nämlich zusätzliches Personal, das den Laden sauber hält und Hosts, die für etwas Struktur und Organisation sorgen: In vielen Colivings ist es beispielsweise üblich, einmal pro Woche ein Family Meeting abzuhalten, bei dem alle zusammenkommen und gemeinsame Aktivitäten planen.
Ach ja, apropos Struktur: Ich bin ja unter anderem Nomadin geworden, weil ich aus Struktur und Ordnung ausbrechen und stattdessen dem freien Leben frönen wollte. Doch mittlerweile weiß ich: Freiheit ist ohne etwas Struktur und Ordnung gar nicht mal so cool.
Früher bin ich an einem neuen Ort angekommen und musste jedes Mal wieder bei Null anfangen. Heute komme ich in einem Coliving an … und setze mich gewissermaßen in ein bereits gemachtes Nest. Ich lande in einer bestehenden Community mit geregeltem Alltag. Das tut verdammt gut!
Und jaaa, na klar kann das Leben in einer großen WG gefüllt mit erwachsenen digitalen Nomaden aus der ganzen Welt auch mal anstrengend sein. Manchmal ist es laut. Manchmal ist jemand im Haus, mit dem du einfach nicht warm wirst. Manchmal brauchst du Zeit für dich alleine. Aber hey, auch das gehört dazu. Und weil alle erwachsen sind, können auch alle ihr eigenes Ding machen. Niemand ist verpflichtet, 24/7 extrovertiert und mit allen anderen Best Friends zu sein.
Trotzdem überwiegen für mich die positiven Seiten von Colivings. Und das bei Weitem. Dieser Tage in der Schweiz sitze ich fast jeden Abend mit all meinen Colivern beim gemeinsamen Family Dinner zusammen und genieße es, diese schöne Gemeinschaft um mich zu haben.
Als ich das letzte Mal mit Kochen dran war (gemeinsam mit drei weiteren Colivern), brachte einer davon uns bei, taiwanesische Frühlingszwiebel-Pancakes zuzubereiten (lecker waren die!). Vergangene Woche war ich mit einigen aus dem Haus auf zwei richtig schönen Wanderungen. An einem Tag haben wir früh morgens, vor der Arbeit, eine Tour in den Wald gemacht, um Pilze zu sammeln. Und letzten Abend saßen wir zusammen und haben uns gegenseitig spannende Fragen gestellt: hitzige Diskussionen inklusive.
Was ich in Colivings erlebe, ist ein wunderschönes Gefühl von Gemeinschaft, das ich zuvor in meinem digitalen Nomadinnenleben kaum hatte. Zumindest nicht auf diese Dauer und in dieser tiefen Form. Und es ist eine Bereicherung. Denn durch die vielen anderen Menschen hier und ihre Geschichten lerne ich neue Perspektiven kennen und kann selbst weiter und weiter wachsen. Und das alles eingebettet in einen normalen und beständigen Alltag, irgendwo in der Ferne.
Früher dachte ich, digitales Nomadentum bedeutet, möglichst frei und unabhängig zu sein. Heute denke ich das immer noch. Doch gleichzeitig habe ich gelernt, dass Freiheit und Unabhängigkeit einen beständigen, sozialen und strukturierten Rahmen brauchen. Anderenfalls brechen sie zusammen. Ich jedenfalls weiß nicht, ob ich diesen Lebensstil immer noch führen würde, hätte ich nicht von Colivings erfahren.
Freiheit und Unabhängigkeit brauchen ein Fundament, das sie trägt. Auf dem sie wirklich ausgelebt werden können. Und Colivings geben mir genau das.
💡 Was sind Colivings eigentlich?
Colivings sind Unterkünfte, die speziell auf Menschen ausgerichtet sind, die remote arbeiten. Heißt, neben den normalen Zimmern gehört auch immer ein Coworking-Bereich dazu. Viele Colivings legen zudem großen Wert auf eine harmonische Community und gemeinsame Aktivitäten.