Es ist ein nasser, aber gemütlicher Morgen in den Schweizer Bergen. In zwei Stunden fährt mein Bus. Nach sechs Wochen ist es mal wieder so weit. Zeit, einen weiteren Ort zu verlassen, in dem ich mich gerade mental eingerichtet und heimelig gefühlt habe. Ich schlürfe meinen Kaffee und fühle mich … tja, so recht weiß ich das nicht. Ich bin ein bisschen traurig zu gehen. Gleichzeitig ist es ok. It’s time to move on. Ich habe mir diese Art von Leben selbst ausgesucht.
Ankommen. Einrichten. Zuhause fühlen. Verabschieden. Weiterziehen. Und dann beginnt das Spiel wieder von vorne.
Ich verbringe die restlichen zwei Stunden im Esszimmer. Gemeinsam mit einigen der Menschen, mit denen ich in den letzten sechs Wochen zusammengelebt habe. Wir unterhalten uns. Haben einen entspannten Morgen. Und dann ist es Zeit, Goodbye zu sagen. Oder eher: „See you soon – somewhere on this planet“ und weiterzureisen.
Es ist schon ein bisschen verrückt, wie schnell unbekannte Orte zu einem neuen Zuhause werden. Vor sechs Wochen kam ich in der Schweiz an: in einem kleinen Dorf, in dem ich noch nie war, und in einem Coliving voller Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Schon wenige Tage später war all das meine Normalität. Ich habe Routinen entwickelt, mich an die Gegend gewöhnt, die Menschen um mich herum liebgewonnen. Man teilt den Alltag. Das Sofa. Das Abendessen. Man teilt tiefe Gespräche und schöne Erlebnisse. Man wächst zusammen, obwohl man weiß, dass sich die Wege wieder trennen. Und obwohl man nicht weiß, wann man sich wiedersieht. Ob man sich überhaupt irgendwann wiedersieht.
Ja, es ist verrückt, wie schnell unbekannte Orte zu einem neuen Zuhause werden. Aber mindestens genauso verrückt ist es, diese Orte nach wenigen Wochen wieder zurückzulassen. Und alles, was man dort hatte. Dass alles, was bleibt, Erinnerungen sind.
Wandel und Veränderung gehören zu mir genauso wie meine tägliche Joghurt-Bowl am Mittag. Manchmal ist das anstrengend: immer wieder loslassen, woran man sich gerade gewöhnt hat, und sich erneut ins Unbekannte zu wagen. Immer wieder die Komfortzone verlassen, die man sich gerade geschaffen hat. Immer wieder im Limbo zwischen zwei Welten sein.
Ich gebe zu: Manchmal sehne ich mich nach mehr Beständigkeit. Nach einem festen Zuhause. Manchmal sehne ich mich danach, dass das, was ich zurücklasse, bleibt.
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist gefüllt mit Aufregung, Vorfreude und Abenteuerlust: Gefühle, die immer dann in mir aufsteigen, wenn ich mich erneut auf den Weg mache. Weil mit jedem Aufbruch ein neues Kapitel beginnt. Oder ein altes Kapitel erneut aufgeschlagen und weitergeschrieben wird.
Auch jetzt begrüßen sie mich wieder – diese Gefühle – und lösen die Gemütlichkeit ab, die sich die letzten Wochen in mir breit gemacht hat. Jetzt, wo ich bereits im Bus sitze. Mit dem Wissen, dass die Reise weitergeht. Mit dem Wissen, dass noch so viel mehr auf mich wartet: Altes genauso wie noch Unbekanntes.
Ankommen. Einrichten. Zuhause fühlen. Verabschieden. Weiterziehen. Und dann beginnt das Spiel wieder von vorne. Ein Spiel, das ganz einfach ist. Und mich dennoch mit Freude erfüllt und mein Leben unfassbar lebendig hält.
Ich schaue aus dem Fenster. Eine Serpentine jagt die nächste. Der Bus wagt sich hinab ins Tal. Die Wolken hüllen die Berge wie in Watte ein. Elf Minuten Umsteigezeit. Das sollte ich schaffen. Hoffentlich. Und selbst wenn nicht … wenn ich eines gelernt habe, dann ist es das: Irgendwie komme ich immer an. Immer wieder. Wohin mein Weg mich auch führen mag.