Ankommen: In einer Welt, die noch nicht meine ist

Ich auf Bonaire: einer kleinen Insel auf der Karibik und Zuhause meines Freundes.

Diesen Winter bin ich der Liebe gefolgt. Es ging nach Bonaire: eine kleine Insel in der Karibik. Ich zog in das Zuhause meines Partners – und fühlte mich plötzlich fremd, einsam und abhängig. Ein Bericht über das langsame Ankommen in einer neuen Welt.

Key Takeaways

  • Jeder Ort ist anders. Ankommen ist nicht immer einfach.
  • In den Ort des Partners zu ziehen, heißt: in seine Welt zu ziehen.
  • Es ist okay, nicht direkt ein eigenes Leben aus dem Hut zu zaubern
  • Ohne Druck lebt man sich leichter an. Gib den Dingen ihre Zeit!

Winter in der Karibik? Klingt gut, oder? So gut, dass ich behaupten könnte, ich wäre im Paradies gelandet und führe hier gerade das Traumleben schlechthin. Pure Idylle, kitschige Sonnenuntergänge und nach Feierabend? Erst mal ab ins Meer!

Ankommen fiel mir noch nie so schwer

Das Ding ist: Diese Behauptung wäre mehr Schein als Sein. Denn Traumkulisse hin oder her, die Wahrheit ist: Es fiel mir noch nie so schwer, an einem neuen Ort anzukommen. Und das ist – auf den ersten Blick – schon ein bisschen paradox.

Ich bin hierhergekommen, um den Menschen zu besuchen, der mittlerweile mein Freund ist. Ich wurde mit offenen Armen empfangen und bin jeden Tag happy, bei und mit ihm zu sein.

Dennoch dauert der Prozess des Einlebens an. Das ist mir fremd.

Normalerweise braucht es nur ein Fingerschnipsen, wenn ich als digitale Nomadin neue Orte besuche … und schon habe ich mich zurechtgefunden, ein Leben aufgebaut und fühle mich gewissermaßen zuhause.

Wunderschöne Küstenstraße in Bonaire, direkt am Meer
Bonaire ist wunderschön. Doch schöne Natur heißt nicht automatisch, dass man sich schnell einlebt.

Bonaire ist anders als meine sonstigen Reiseziele

Aber was soll ich sagen? Bonaire ist anders als die Reiseziele, die ich normalerweise auswähle. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Wäre mein Freund nicht, hätte es mich wahrscheinlich niemals auf diese kleine karibische Insel verschlagen.

Hier sind keine Backpacker. Keine digitalen Nomaden. Keine Colivings. Es gibt nicht mal ein Café, in dem sich junge Menschen hinter ihren Laptops zum remoten Arbeiten tummeln.

Hier sind zwar viele Expats, doch die sind im Schnitt deutlich älter. Ältere Herrschaften, vor allem aus den Niederlanden und den USA, die sich hier ein entspanntes Renter-Dasein gönnen. Jüngere Menschen sind klar in der Minderheit.

Keine Nomads, kein Coworking … wenig los & einfach klein

Daneben dreht sich auf Bonaire vieles um Wassersport: Windsurfen, Tauchen, Schnorcheln und so weiter. Und Wassersport? War bisher nicht ganz so mein Ding. Denn, obwohl ich vor einer Weile meinen Tauchschein gemacht habe, galt meine Faszination bisher immer eher den Bergen. Die kann man hier jedoch vergeblich suchen.

Und ja, auch das Angebot in Hinblick auf Kultur und Freizeitgestaltung ist stark begrenzt. Was kann ich sagen? Es ist einfach eine sehr kleine Insel. Punkt.

Passe ich hier überhaupt rein?

Bonaire ist kein Koh Phangan. Kein Mexico City. Kein Ometepe. Kein Bali. Und auch kein Berlin.

Vielleicht ist es ein bisschen wie Sylt – nur wärmer. Aber da ich noch nie dort war, weiß ich nicht, wie passend dieser Vergleich eigentlich ist.

All diese Faktoren führten jedenfalls dazu, dass ich mich in den ersten Wochen immer wieder gefragt habe, ob ich hier überhaupt reinpasse. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich habe (noch) kein eigenes Leben.

Ich mit meinem Freund, bei ihm Zuhause auf Bonaire in der Karibik
Ich bin super happy, bei meinem Freund zu sein. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, noch kein eigenes Leben auf Bonaire zu haben.

Plötzlich in der Welt meines Freundes

Ich bin es gewohnt, als digitale Nomadin alleine zu reisen und neue Orte direkt zu MEINEN Orten zu machen. Doch dieses Mal? Dieses Mal wurde es nicht direkt mein Ort. Denn es ist der Ort meines Partners. Ich platzte in seine Welt. Er hat hier seinen festen Job, sein Zuhause, seinen Freundeskreis und sein Meer, in dem er mit größter Leidenschaft seine Zeit verbringt.

Das erste Mal in meinem Leben als digitale Nomadin fühlte ich mich abhängig statt unabhängig. Und das war irgendwie irritierend. Denn Beziehung hin oder her: Meine Autonomie ist mir verdammt wichtig. Ich will ein eigenes Leben. Und dass ich es nicht direkt hatte, hat mich frustriert.

Der Frust wiederum hat mich heruntergezogen und mein Einleben wahrscheinlich noch stärker verlangsamt. Es gab immer wieder Momente, die mich ins Wanken gebracht haben.

Abhängig, einsam, fremd & immer wieder am Wanken

Hat mein Partner beispielsweise von seinen Freunden auf der Insel erzählt, stieg in mir ein Hauch von Einsamkeit auf. Nicht weil er mich nicht eingebunden hätte (das hat er immer), sondern schlichtweg deshalb, weil meine Freunde so weit weg sind und ich hier noch keine eigenen Freunde habe. Keinen eigenen social Circle. Und weil es auf Bonaire schlichtweg nicht so einfach ist, einen solchen zu etablieren. Ganz anders als sonst, wenn ich in ein Coliving spaziere und nach einem einzigen Tag direkt eine coole Crew um mich habe.

Waren wir dann mit seinen Freunden unterwegs, ging es in vielen Gesprächen um – klar: das Meer und ums Tauchen. Ich konnte nicht wirklich mitreden und habe mich wie das drölfte Rad am Wagen gefühlt. Oder besser: Wie der Ersatzreifen im Kofferraum. Und das, obwohl alle offen und lieb zu mir waren. Ich empfand mich selbst als fremd.

Es war, wie ich bereits geschrieben habe: Es fiel mir noch nie so schwer, an einem neuen Ort anzukommen. Und das trotz Partnerschaft.

Ich glaube, ich war sehr ungeduldig

Knapp zwei Monate nach meiner Ankunft kann ich jedoch sagen: Ich glaube, ich war sehr ungeduldig.

Ich habe meine bisherigen Erfahrungen aus verschiedenen Locations in Lateinamerika, Mexico City, Chiang Mai, Koh Phangan, Barcelona und zahlreichen weiteren Backpacker- und Digital-Nomad-Hotspots als Referenzwert genommen. Daraus ergab sich eine verdammt unrealistische Erwartungshaltung.

Denn was für ein Backpacker-Hotspot gilt, gilt nicht automatisch für eine karibische Insel, auf der sich vor allem ältere Kreuzfahrttouris die Plauze kraulen.

Ankommen ist nicht überall „gleich easy“

Mittlerweile jedoch habe ich verstanden, dass ich manchen Orten – Orten wie Bonaire – einfach mehr Zeit geben muss. Dass es nicht überall „gleich einfach“ ist, anzukommen. Dass es manchmal schlichtweg etwas länger dauert. Und dass es absolut okay ist, wenn ich hier nicht direkt ein perfektes eigenes Leben aus dem Hut zaubere, wie ich es anderswo mache.

Diese Erkenntnis führte dazu, dass ich aufgehört habe, mir selbst Druck zu machen. Ich habe mich entspannt, meine Erwartungshaltung überdacht und bin in den Modus „Gib den Dingen ihre Zeit“ gegangen. Denn ja: Gut Ding will manchmal eben wirklich Weile haben. Die Magie passiert nicht immer über Nacht!

Ich beim Tauchen, im Meer in Bonaire
Siehe da: Mittlerweile übe ich mich im Freediving (und habe große Freude dabei).

Ich lebe mich endlich ein – ohne Druck

Seit meiner Erkenntnis bin ich nicht mehr frustriert. Stattdessen lebe ich mich endlich mehr und mehr ein. Woran wir übrigens mal wieder sehen: Druck bringt oft nichts. Oft führt er sogar ins Gegenteil von dem, was wir wollen.

Mittlerweile gehe ich dreimal die Woche in ein CrossFit-Studio, in dem ich mich mit anderen jungen Menschen connecte – langsam, aber beständig. Ich habe begonnen, mich im Freediving zu üben (und habe mehr Spaß daran als ich gedacht hätte). Die vier Wände meines Freundes fühlen sich langsam nach UNSEREN vier Wänden an. Und insgesamt fühle ich mich mehr und mehr zuhause – auch unabhängig von meinem Partner.

Ich fange an, mein eigenes Leben hier aufzubauen. Ein Leben, das ich demnächst jedoch erst einmal wieder zurücklassen muss (Visa- und Einreisebestimmungen lassen grüßen) – doch das ist eine andere Story.

Manche Orte brauchen einfach Zeit

So oder so ist es ein gutes Gefühl, langsam Fuß auf Bonaire zu fassen, autonomer zu werden und nicht nur Gast in der Welt eines anderen zu sein, sondern selbst eine Welt zu erschaffen.

Ja, wahrscheinlich brauchen manche Orte und Situationen einfach etwas mehr Zeit. Kein Druck. Keine unrealistische Erwartung. Keine Ungeduld. Sondern: Zeit und Offenheit.

PS: Falls du mehr über mein Leben auf Bonaire, als digitale Nomadin und alles dazwischen erfahren willst, folge mir gerne auf Instagram!

Infobox: Falls du dich fragst ...

Wie lange dauert es, bis man sich in einem neuen Ort zuhause fühlt?

Wie lange es dauert, bis man sich in einem neuen Ort zuhause fühlt, kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal fühle ich mich innerhalb kürzester Zeit angekommen. Andere Male dauert es länger. Es kommt immer auf den Ort, die Situation und dich selbst an.

Was hilft, wenn ich mich am neuen Ort einsam fühle?

Wenn du dich an einem neuen Ort einsam fühlst, gilt es, das Problem selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, andere Menschen kennenzulernen: ob nun durch Apps, Sport, Events oder bestimmte Gruppen. All meine Tipps, um neue Freunde kennenzulernen, findest du im meinem Blogpost: Freunde im Ausland finden.

Wie kann ich mich schneller einleben, ohne mich unter Druck zu setzen?

Einleben geht nicht immer über Nacht. Manche Orte und Situationen brauchen einfach Zeit. Das zu erkennen und zu akzeptieren, ist der erste Schritt, um dich nicht selbst unter Druck zu setzen. Und ohne Druck? Geht das Ankommen auch schneller! 😉

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