Die Geschichte von Kunibert dem Glückskäfer

Die Geschichte von Kunibert dem Marienkäfer

Mit einer schweren Tasche beladen, bin ich gerade auf dem Weg zurück vom Einkaufen. Es ist ein sonniger Tag und als ich um eine Straßenecke biege, scheinen mir unzählige Sonnenstrahlen, unerwartet und ausgesprochen hell, mitten ins Gesicht. Ich muss kurz blinzeln als plötzlich Kunibert der Marienkäfer auf meiner Hand landet. Er flog mir schon in der Vergangenheit ein paar Mal über den Weg – deswegen weiß ich seinen Namen. Damals jedoch landete er nie auf mir, sondern zischte immer nur fröhlich an mir vorbei, rief: „Halloooo, ich bin Kunibert und ich wünsche dir einen schönen Tag!“ und winkte dabei kräftig mit einem seiner Beinchen.
Heute aber landet er auf mir, sucht sich einen lauschig sonnigen Spot auf dem Daumen meiner Einkaufs-freien Hand und schaut mich lächelnd und mit strahlenden Äuglein an. Daraufhin stelle ich meine Einkaufstasche ab, sehe den Marienkäfer auf meinem Daumen ebenfalls an und sage: „Heeey Kunibert, alter Hase! Wie schön, dass du mal auf mir landest. Was geht!?“. Kunibert’s Lächeln wandelt sich in einen leicht skeptischen Blick. „Ihr Menschenwesen seid manchmal schon ein bisschen doof. Ich bin doch ein Marienkäfer, kein Hase“, sagt er belehrend.
Ich will Kunibert erklären, dass ich das natürlich wisse und die Sache mit dem Hasen nur eine Redewendung bei uns Menschen sei. Doch Erklären ist nicht meine größte Stärke und ehrlich gesagt macht es mich leicht nervös, dass Kunibert soeben zum ersten Mal auf mir gelandet ist und nicht nur vorbeiflog, wie früher immer. Mehr als das Missverständnis aufzuklären, stammele ich deshalb nur komische Wortfetzen vor mich hin.
Kunibert unterbricht mein konfuses Gebrabbel: „Najaaa, Lirum Larum! Ich bin ja ohnehin nicht auf dir gelandet, um dich über Flora und Fauna aufzuklären, sondern um dir ein kleines Geheimnis zu verraten“. Bei diesen Worten spannt sich ein wissendes Grinsen über Kuniberts Lippen. Gleichzeitig kräuseln sich seine kleinen Fühlerchen spiralförmig zusammen – fast wie bei einem Zwirbelbart, nur, dass Kunibert eigentlich gar keinen Bartwuchs hat – und seine Augen blitzen auf.
Kuniberts Ansage hilft mir nicht gerade dabei meine Nervosität abzulegen. Ich merke, wie große Neugier in mir aufsteigt. „Coool, ein Geheimnis? Lass hören, alter Has- ääähh Marienkäfer!“ Vor lauter Spannung wollte ich den Guten soeben schon wieder Hase nennen, doch ich kratze gerade so die Kurve. Ich glaube, er hat nichts von meinem Fauxpas mitbekommen – jedenfalls verzog sich seine Miene nicht erneut und er schaut mich immer noch mit seinem wissenden Grinsen, Zwirbelbartfühlern und blitzenden Augen an.
Bevor Kunibert die Gelegenheit hat mir zu antworten, fange ich selbst schon an aufgeregt zu mutmaßen: „Sag bloß ihr Marienkäfer könnt reden und euch mit uns Menschen unterhalten? Oder könnt ihr etwa…“ – Kunibert unterbricht das zu Worten gewordenen Gedankengeblubber, das sintflutartig aus meinem Mund kommt. „Wo denkst du hin? Marienkäfer, die mit Menschen reden? Ich bitte dich! Nein, nein, Menschenwesen. Das geht natürlich nicht.“ Während er spricht schüttelt er, den Blick leicht herab gen Daumen gewandt und lachend, seinen Kopf. Gar so als hätte ich was ziemlich Doofes gesagt.
Ich zucke mit den Schultern. „Okay, Kunibert, was ist dann das Geheimnis, von dem du mir erzählen willst?“, frage ich freudig und spannungserfüllt. Kunibert hört auf seinen Kopf zu schütteln, hebt ihn wieder und blickt mir verheißungsvoll in die Augen. „Was ich dir verraten will, Menschenwesen“, spricht Kunibert, während mein neugieriges Herz vor Aufregung schneller und schneller klopft, „das ist Folgendes: das Schönste, was du sein kannst, das bist du selbst. Einzig und alleine du selbst. Nicht wer anderes, nicht irgendein Ideal, keine Maske. Das Schönste, was du sein kannst, das bist wahrlich und einzig und alleine du selbst.“
Kuniberts Worte sind ehrlich und rührend. „Aaawww, Kunibert – welch wundervolle Worte. Sie sind so schön und so schlau!“, platzt es aus mir heraus. Daraufhin Kunibert: „Klar, was denkst du denn!? Ich sage nur schöne und schlaue Sachen. Ich bin doch Kunibert, der schlaue Marienkäfer, auch bekannt unter dem Synonym Glückskäfer. Was ich sage, das ist schön und schlau. Und wenn du meine Worte verinnerlichst, dann bringen sie dir oben drauf auch noch eine Meeeenge Glück!“
Kunibert nickt kräftig mit seinem süßen Köpfen. Dabei ist seine Miene herzlich und gleichzeitig ernst, sein Blick bestätigend. Die Art und Weise, wie er redet und mich ansieht, schafft großes Vertrauen und irgendwie fühle ich, dass Kunibert die Wahrheit spricht. Ergänzend fügt er hinzu: „Jaha, so ist das. Und das, ganz egal, wie viele schwarze Punkte mein schönes rotes Gewand zieren.“
Darauf erwidere ich: „Das glaube ich dir. Denn was du sagst, wirkt in der Tat sehr schlau, Kunibert, der schlaue Marienkäfer, auch bekannt unter dem Synonym Glückskäfer.“ Während ich rede, formen sich Kuniberts Lippen zu einem Lachen, seine bestätigend ernste Miene lockert sich und er sieht mich erfreut an. „Na siehst du! Und was für ein Tier ich bin, das hast du jetzt ja auch schon begriffen. So doof scheint ihr Menschenwesen ja dann doch nicht zu sein!“, sagt der kleine und doch so clevere Käfer fröhlich.
Ich nehme Kuniberts Worte als Kompliment auf, muss grinsen und werde glatt ein bisschen rot – fast so wie Kuniberts Gewand. Daraufhin legt er seinen Kopf in eine dezente Schräglage und seine noch immer verzwirbelten Fühler schnalzen zurück in eine Gerade, bevor sie oberhalb seiner Augen leicht einklappen und nun fast wie hochgezogene Augenbrauen wirken.
„Naaa!“ sagt Kunibert ermahnend, „Nun versuch aber nicht mir nachzueifern und so auszusehen wie ich! Ich habe es dir doch eben erst verraten: das Schönste, was du sein kannst, dass bist du selbst. Du selbst und niemand sonst. Auch nicht ich.“
„Jaaa, stimmt“, erwidere ich, „ich regulier meinen Teint ja gleich wieder.“ Darauf lockern sich Kuniberts Fühler, sodass sie nun geradezu normal in die Luft stehen, seinen Kopf richtet er wieder auf und mit einem wiederholten Nicken und einem freundlichen Gesichtsausdruck sagt er: „Dann ist ja gut.“
Dann stampft Kunibert mit seinem Beinchen leicht gegen meinen Daumen und hebt es anschließend hoch in meine Richtung als wolle er noch irgendwas Wichtiges loswerden. Als er sieht, dass ich seine Geste mitbekommen habe, wohl richtig deute und meine Ohren in völliger Konzentration gespitzt sind, holt er noch mal aus.
„Was für dich gilt, liebes Menschenwesen, das gilt für all deine Menschenwesenfreunde natürlich auch. Das Schönste was die sein können, sind auch sie selbst. Jeder Einzelne und jede Einzelne – sie alle sind als sie selbst am schönsten, weißt du? Nicht dann, wenn sie einem Ideal hinterherlaufen, versuchen jemand anders zu sein oder sich eine Maske aufsetzen. Nein, nein. Das wahrlich Schönste, was sie sein können, das sind sie selbst.“ Er macht eine kurze Pause und sieht mich fragend an. Gar als wolle er wissen, ob ich ihm folge – also nicke ich beharrlich. Das stellt den Marienkäfer offensichtlich zufrieden, denn erst fährt mit seinen Worten fort. „Na, und deswegen sei doch bitte so lieb, und gib meine Worte auch an deine Menschenwesenfreunde weiter, ja? Wärst du so lieb?“
Immer noch nickend versichere ich Kunibert, dass ich seine Worte weitergeben werde. „Super, ich wusste auf dich ist Verlass!“, sagt er daraufhin und wieder muss ich grinsen und zucke leicht verlegen mit den Schultern. „Und nun, liebes Menschenwesen, ist es Zeit für mich weiterzuziehen“. Schon während er redet, fängt sein Gewand an zu brummen und seine Flügel begeben sich leicht bebend in Flugmodus. Mit leichtem Druck seiner Hinterbeinchen schwingt sich Kunibert in die Höhe und bevor ich mich versehe, zischt der er schon wieder fröhlich durch die Lüfte.
Wie früher immer hebt er im Flug sein Beinchen und winkt mit kräftig zu. Dabei ruft er: „Ich bin Kunibert, der Marienkäfer und ich wünsche dir noch einen schönen Tag, Tschüssiiii!“
Ich winke und sehe Kunibert hinterher, während mir die blendende Sonne, in deren Richtung Kunibert fliegt, erneut ins Gesicht scheint. Ich muss ein paar Mal kurz blinzeln. Als ich aufsehe, ist der schlaue Käfer bereits verschwunden. Ich hebe meine Einkaufstasche wieder über die Schulter, setzte meinen Heimweg glücklich fort und denke mit einem Lächeln auf meinen Lippen an Kunibert und seine Worte.

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