Problemzone Warteschlange

Problemzone Warteschlange

Der Kampf um den Platz an vorderster Front und missmutiger Singsang beim Anstehen. Ein dezent kritischer Text über den Mensch und sein Verhalten in der Warteschlange.


Als ich heute anstand, um ein Päckchen bei der Post abzuholen, drängelte sich eine Frau ziemlich dreist und ziemlich offensichtlich vor eine andere Frau. Als sie darauf angesprochen wurde, sah sie ihr Fehlverhalten in keinster Weise ein, redete sich raus und blieb beharrlich an ihrem ermogelten Platz stehen. Oben drauf auch noch mit jeglicher Missachtung der aufgrund von Corona aktuell geltenden Sicherheitsabstände. Ganz als ob es auf die Minute länger warten nun wirklich noch ankäme.

Der Mensch und die Warteschlange

Ich finde ja, Warteschlangen sind eh so ein Ding, die den Menschen nicht gerade das beste Bild von sich zeichnen lässt. Ob nun bei der Post oder aber beim Buffet im all inclusive Urlaub, beim Öffnen der Türen öffentlicher Verkehrsmittel oder ganz klassisch an der Supermarktkasse. Unschöne Warte-Bilder werden bei allen möglichen Ansteh-Szenarien gemalt.

Hui, eine neue Kasse macht auf – nichts wie hin!

Öffnet beispielsweise eine neue Kasse im Supermarkt, so stürzen sich die Kunden schnellstmöglich und in einem chaotischen Durcheinander darauf. Wie gierige Geier auf ihre ins Visier genommene Beute. Kennt wahrscheinlich jeder. Als würden die Karten neu gemischt. Let the games begin! Und wenn du nicht aufmerksam genug bist, landest du bei diesem Kassenschlagenspiel doch nur weiter hinten als zuvor. Ich nenne es: das Kassenschlangeneröffnungsdilemma.

Missmutiges Gebrabbel: des Anstehenden Singsang

Gerne regt sich Mensch beim Warten ja auch auf. Insbesondere, wenn es mal wieder zu langsam zugeht. Jaja, missmutiges Gebrabbel: eine bekannte Audiountermalung beim Anstehen. Verkürzt die Wartezeit aber halt auch nicht, sondern macht sie eher noch ätzender. Für alle Beteiligten. Auch den Missmutsbrabbelden selbst, der sich gekonnt in ein Problem, das eigentlich gar keines ist, hineinsteigert.

Der Kampf um’s Überleben – der Kampf um den vordersten Schlangenplatz

Ist es denn wirklich so schwer mal für ein paar Minuten entspannt in der Schlange anzustehen? Drängel- und missmutsgebrabbelfrei? Ohne sich beim Öffnen einer neuen Kasse kräfteringend an vorderste Front zu kämpfen?

Ich weiß, früher einmal, da musste man um’s Überleben kämpfen. Schnell sein. Der oder die Erste sein. Besser sein. Aber können wir diese Evolutionstriebe nicht langsam mal ablegen? Zumindest an der Supermarktkasse? So für den Anfang…? An welchem Platz in der Schlage wir stehen und wie lange wir warten, das ändert nun mal nichts mehr daran, wie lange wir in dieser Welt überleben. Und verärgerter Singsang wird die Überlebenszeit und deren Qualität nun wahrlich auch nicht verbessern.

Ich gegen den Rest der Warteschlange

Ich frage mich gerade ja schon, wie ein friedliches und harmonischen Miteinander klappen soll, wenn alleine Warteschlangen solch ein Chaos, Ellenbogendrücken und den Wunsch nach dem ersten und besten Platz im Menschen auslöst.

Wie sollen wirklich große Krisen bewältigt werden, wie sollen wir friedlich miteinander Leben, Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wenn wir es nicht mal an der Supermarktkasse gebacken bekommen? Oder beim Einsteigen in den Zug, wenn sich dessen Türen öffnen. Oder wenn beim Bäcker nur noch eines der begehrten Croissants ausliegt?

Ja, ehrlich. Wie soll es dann im Großen klappen, frage ich mich. Und die Antwort ist: ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist: wenn jeder hier der oder die Erste sein will, dann wird niemand Erster sein und es wird eher Tumult und Geschubse geben, statt Harmonie und Freude.

Zurück zur Supermarktkasse…

Die Wahrheit ist: es ist gar nicht schlimm mal ein bisschen friedlich zu warten. Zumindest, wenn man sich nicht selbst einredet, es wäre schlimm. Weiter vorne, immer schneller und möglichst flott am Kassenband lässt uns auch nicht besser, länger oder fröhlicher überleben, als wenn wir einfach mal eine Runde chillen.

Make Anstehen great again!

Freunde, wisst ihr was? Lasst mal durchatmen, während wir da so warten, um unseren Einkauf zu bezahlen. Lasst die Zeit nutzen und einfach träumerisch an was Schönes denken. Beispielsweise an hübsche Pflanzen, den (heimlichen) Schwarm, ans Zauberland oder an Dinkelflakes. Hmmm, Dinkelflakes! Und schon vergeht die Wartezeit wie im Flug und mit einem lauschig warmen Gefühl ums wartende Herzilein.

Also, liebe Leute: chillt mal. Friedlich und harmonisch. Grundsätzlich. Und in Zeiten von Corona erst recht. Mit Sicherheitesabstand. Und dafür einem Lächeln auf den Lippen. Für dich. Die anderen Wartenden und die Menschen hinter der Kasse.

Jo, ich glaub an uns!

Und wenn wir es irgendwann an der Supermarktkasse hinbekommen, vielleicht klappt‘s dann ja auch irgendirgendwann beim Bäcker und beim Öffnen der Zugtüren. Und ganz, ganz, ganz vielleicht klappt es dann ja noch viel irgendirgendwanner auch bei den wirklich großen und wichtigen Dingen.

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